Nach RUHR.2010: regionale Perspektiven für die kommunale Kultur
NRW-Kulturministerin Ute Schäfer und die Kulturdezernenten der Städte Oberhausen, Essen, Bochum und Dortmund sowie der Kreises Unna diskutierten anlässlich der 1. Kulturkonferenz Ruhr im September 2012 darüber, was die Kulturhauptstadt RUHR.2010 in den einzelnen Kommunen und auch für gemeinsame Vernetzung gebracht hätte.

Keine neuen Strukturen, aber eine bessere Vernetzung – auf diesen Nenner konnten sich die Podiumsteilnehmer leicht verständigen, als es um die Frage ging: Wie soll die Nachhaltigkeit der Kulturhauptstadt gesichert werden? Die Finanzierung ist bekanntermaßen geregelt. Prof. Dr. Oliver Scheytt rief die Nachhaltigkeitsarchitektur noch einmal ins Gedächtnis: 4,8 Mio. Euro stehen insgesamt zur Verfügung, davon 3,1 Mio. für die Kultur Ruhr GmbH und 1,1 Mio. für die Ruhr Tourismus GmbH (RTG). „Im Vergleich zu anderen ehemaligen Kulturhauptstädten ein tolles Ergebnis.“
Kein Bürgerrat für kulturpolitische Fragen
Bei der Podiumsdiskussion mit kommunalen Kulturdezernenten, einem Kreisdirektor und NRW-Kulturministerin Ute Schäfer ging es daher um die praktischen Aspekte der Kulturpolitik und der kulturellen Arbeit. Zur Diskussion stand etwa ein „Bürgerrat“, ein Gremium also, das in kulturpolitischen Fragen mitentscheidet. Dazu der Oberhausener Kulturdezernent Apostolos Tsalastras: „Man muss aufpassen, dass man Strukturen, die man hat, nicht noch durch weitere Strukturen verkompliziert und undurchsichtiger macht.“ Michael Townsend, Kulturdezernent der Stadt Bochum, hielt ein solches zusätzliches Gremium dagegen schlicht für überflüssig, denn „es gibt kaum ein anderes kommunales Aktionsfeld, in dem die bürgerschaftliche Stimme bereits so laut, so vernehmlich und so wirkungsvoll tätig wird wie im Bereich der Kultur“. Als Beispiel führte er das Bochumer Musikzentrum an, das ab 2015 nicht nur den Symphonikern eine neue Heimat sondern auch Musikschülern und Chören der Stadt eine Bühne bietet. Möglich geworden sei dieser Bau, weil sich die Bürger einbrachten – nicht zuletzt mit Spenden in einer Gesamthöhe von mehr als 14 Mio. Euro.
RUHR.2010 als Schutzschild gegen Sparzwänge
Das Musikzentrum war letztlich auch Michael Townsends Antwort auf die Eingangsfrage von Moderator Dr. Oliver Scheytt: „Was hat das Kulturhauptstadtjahr den Städten gebracht, was hat es Bochum gebracht?“ Michael Townsend erinnerte daran, dass die „Kulturhauptstadt zusammenfiel mit dem Aufkommen der kommunalen Finanzkrise. Und die Idee von RUHR.2010 hat es geschafft, einen gewissen Schutzschirm über die Kultur zu legen. Damit sie nicht sofort als erstes Sparopfer auf dem Altar der kommunalen Konsolidierungsmaßnahmen dargebracht wurde“. Mehr noch: Heute werde es als Investition gesehen, wenn das kulturelle Angebot weiter ausgebaut werde. Denn dies sei etwas, das die Lebensqualität steigere und die „Klebekraft“ erhöhe: „Damit die hochqualifizierten Menschen, die in der wahrscheinlich größten Universitätsstadt der Region ausgebildet werden, auch in der Region bleiben.“
Nutzen für die freie Szene?
Zu wenig von der Kulturhauptstadt profitiert hätten jedoch die Künstler aus der freien Szene. Eine Aussage, die Zustimmung fand. Rainer Stratmann, Kulturdezernent des Kreises Unna und einst Beiratsmitglied der Internationalen Bauausstellung (IBA)Emscher Park, griff diesen Appell auf. Bei der IBA habe man die freie Szene eingebunden, habe auch einen kleinen Etat zur Verfügung stellen können. „Und bei dieser IBA von unten sind viele gute Projekte entstanden.“ Für die Stadt Dortmund wusste deren Kulturdezernent Jörg Stüdemann zu berichten, dass zuletzt allen Sparzwängen zum Trotz eine Million Euro zusätzlich für die freie Szene zur Verfügung gestellt wurde. Möglich geworden sei dies durch die Kulturhauptstadt, die „für kulturpolitische Debatten eine durchaus befördernde Funktion“ gehabt habe. Wenn die Nachhaltigkeitsarchitektur dazu führe, dass sich die Kulturpolitik in der Region „neu aufstellt, neu denkt und fortschrittlich und experimentierfreudig ist, dann hat die Kulturhauptstadt für mich einen großen Sinn gemacht. Darüber zu philosophieren, ob eine Kultur des Wandels eingetreten ist, halte ich für müßig.“
Dem stimmte sein Amtskollege, der Essener Kulturdezernent Andreas Bomheuer, zu: „Wir sollten den Wandel nicht wie eine Monstranz vor uns hertragen, diese Region ist seit 250 Jahren im Wandel.“ Zwar unterstütze auch die Stadt Essen die freie Szene, betonte Bomheuer, der jedoch gleichzeitig eine Lanze für die Institutionen und Häuser wie das Grillo-Theater brach: Manchmal sei er es leid, immer Tanztheater in Industrieruinen zu sehen. „Wir freuen uns mitunter auch auf ein gutes Stück im Stadttheater.“
Weniger Kirchturmdenken
Was also hat die Kulturhauptstadt der Region gebracht? Noch vor sechs bis acht Jahren, erinnerte sich Scheytt, sei er als Kulturdezernent in Essen von Kollegen aus den umliegenden Städten angefeindet worden, weil die Theater- und Philharmonie-Beilage Essens auch jenseits der Stadtgrenzen verbreitet wurde. „Ist das Schnee von gestern oder kann das heute immer noch passieren?“ Oberhausens Kulturdezernent Apostolos Tsalastras räumte ein, dass eine solche Beschwerde damals auch aus seiner Stadt gekommen sein könnte. „Ich glaube aber, dass wir das zumindest in Oberhausen und auch in vielen anderen Orten überwunden haben. Auch da war die Kulturhauptstadt hilfreich.“
Regionaler denken
Tsalastras nutzte das Podium auch für eine Erwiderung auf Pius Knüsels Anregung, die Zahl der derzeit erhaltenen und genutzten Industriedenkmäler um die Hälfte zu verringern. Der Gasometer ziehe mit seinen Ausstellungen bis zu einer halben Million Besucher jährlich an und sei damit auch ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Trotzdem gab er Knüsel in einem anderen Punkt Recht: „Wir müssen nicht nur darüber reden, was wir sichern wollen. Wir müssen auch darüber reden, wie wir uns weiterentwickeln sollen.“ Dies auch vor dem Hintergrund knapper werdender Etats: „Wir müssen davon ausgehen, dass wir in Zukunft weniger Mittel zur Verfügung haben – auch für die Kultur.“ Die Kulturhauptstadt habe seiner Ansicht nach einen wichtigen Weg der Veränderung gewiesen: regionaler zu denken. „Wir müssen versuchen, Kunst und Kultur spartenübergreifender zu sehen und vor allem Institutionenübergreifender.“ Das Theater Oberhausen etwa verstehe sich längst genauso als Stadttheater wie auch als ein Produktionsbetrieb, der mit anderen kooperiert und dadurch neue Qualitäten erzeugt. „Das muss die Zukunft sein: neue Qualitäten herzustellen und dabei mit weniger Finanzmitteln auszukommen.“
Grundlagen sind gelegt
Das letzte Wort auf dem Podium hatte NRW-Kulturministerin Ute Schäfer, der in der bisherigen Diskussion ein Punkt zu kurz gekommen war: „Wie unterstützen wir kulturelle Bildung weitergehend? Ich möchte immer gerne Kinder und Jugendliche mit Kunst und Kultur infizieren. Das ist das, was wir erreichen müssen.“ Dann werde es auch in der Zukunft leichter, mehr Menschen für Kultur zu begeistern. Zur Frage der Nachhaltigkeitsarchitektur schloss sie sich den Vorrednern an: „Ich kann unterstreichen: Wir brauchen keine neuen Strukturen, sondern wir müssen auf dem aufsetzen, was wir haben, und das müssen wir ordentlich vernetzen. Das ist immer das Geheimnis, dass die Menschen, die da sind, ordentlich miteinander arbeiten und dann kommen wir auch ein Stück weiter. Ich glaube, dafür sind die Grundlagen jetzt gelegt.“ Wichtig dabei sei es, Ziele zu definieren, deren Erreichen man „hinterher überprüfen kann“.
Redaktionsbüro Schacht 11
