Die Abwehr des „Kulturinfarkts“ als Jahrhundert-Projekt
In seinem Impuls anlässlich der 1. Kulturkonferenz Ruhr äußerte sich Pius Knüsel, der ehemalige Direktor der Kulturstiftung Pro Helvetia, kritisch über die Suche nach einem neuen kulturellen Dekadenprojekt. Zugleich sprach er ein Plädoyer aus für Kirchturmdenken und Klein-Klein, in neuer kultureller Infrastruktur.

Ihm und seinen Co-Autoren wurde wegen ihrer Thesen zu Kulturpolitik und Kultursubvention mehr als einmal vorgeworfen, „den kulturellen Untergang Deutschlands oder des Abendlandes heraufzubeschwören“. Und auch im Rahmen der 1. Kulturkonferenz Ruhr fiel Pius Knüsel, dem ehemaligen Direktor der Kulturstiftung Pro Helvetia und Mitverfasser des Buches Der Kulturinfarkt, die Aufgabe zu, ein „B-Moll“ in die Veranstaltung zu tragen. Einer Veranstaltung, für die Dr. Oliver Scheytt den „Wandel im Bewusstsein“ auch über die Kulturhauptstadt hinaus als Ziel proklamiert hatte. Einen solchen Wandel fordert auch Knüsel – für die kulturelle Infrastruktur des Ruhrgebiets als Ganzes.
Auf der Suche nach neuen Formen
Ein Anspruch, den er mittels zweier entscheidender Maxime begründet. Zunächst: „Gebaute Kultur ist nur ein Medium unter anderen. Es hat eine bestimmte Reichweite und darüber kommt es nicht hinaus.“ Ein Leitgedanke, dem die Fakten längst Rechnung tragen: Museen und Theater etwa hätten ihre „maximale Reichweite“ erreicht, verlören sie teils sogar schon wieder. Die Kultur als solche fungiere lediglich noch als „Repräsentationskultur“, schlimmer noch: als „Einschüchterungskultur“, die die nachfolgenden Jahrgänge nicht mehr erreiche. „Die Jugend formiert sich in anderen Medien, vorwiegend digital und mobil. Deshalb ist es so schwer, sie in Konzerthäuser und Theater zu locken.“ Eine mögliche Lösung: eine „Qualitätsinitiative im informellen Sektor«, die sich nicht darauf reduzieren lasse, dass „die Institutionen mehr rausgehen zu den Leuten“, sondern sich als Suche nach neuen Formen erweisen müsse, „die Menschen bewegen, gerade weil sie sich der herrschenden intellektuellen Ästhetik widersetzen“.
Zweifel an der Weisheit der Politik
Nicht minder provokativ ist Knüsels zweite entscheidende These: „Ich hege einen grundsätzlichen Zweifel an der Weisheit der Politik, wenn es um die kulturelle Entwicklung geht.“ Will heißen: Auf dem Kultursektor agiere der Staat lediglich aus zweierlei Gründen: Prestige und Grundversorgung. Ersteres hinterfrage nicht, ob es einen wirklichen Bedarf gebe. Letztere resultiere schlicht aus einer „Neigung zur Vervollständigung“: „Es gibt keine Norm, wie viele Theaterplätze wir pro hundert Bewohner benötigen. Die Quote wird vom System selbst einfach immer höher gesetzt.“ Das Problem in beiden Fällen: „Geld spielt keine Rolle. Verbauen wir doch endlich das Kapital der Zukunft.“
Alles doch nur eine große Party?
Wer aufbauend auf diesem Wissen den „Kulturinfarkt“ im Ruhrgebiet vermeiden wolle, müsse eines akzeptieren: „RUHR.2010 hat wenig zurückgelassen; andere Kulturhauptstädte auch, dies zur Beruhigung. Doch es existiert eine beträchtliche Enttäuschung. Und vielleicht war alles doch nur eine große Party.“ Und mehr noch: Was jetzt als „Nachhaltigkeitsarchitektur“ bezeichnet werde, beschränke sich auf „verstärkte Zusammenarbeit“ und ein „verstärktes Gefühl von großer Problemzone“. Knüsel: „Aus diesem Blickwinkel kann ich den Ruf nach einem nächsten Dekaden-Projekt durchaus verstehen; die Strukturen sind da, jetzt müssen sie beschäftigt werden.“ Doch könne „kulturelle Standortsicherung“ nicht nur „die Weiterführung der großen Party“ meinen, ein solcher Ausnahmezustand sei „auf Dauer zu teuer und zu künstlich“. Stattdessen sei ein grundsätzliches Umdenken, eine Änderung der grundlegenden sozialen wie politischen Strukturen notwendig, werde doch „unsere kulturelle Biografie nach wie vor von unserer sozialen bestimmt. Und nicht andersherum“.
Knüsels Empfehlungen hinsichtlich der kulturellen Zukunft des Ruhrgebiets:
- der Verzicht auf das Projekt Metropole: „Lassen wir den Leuten ihre Kirchtürme!“;
- der langfristige Rückbau mindestens der Hälfte der kulturellen Institutionen, die Schaffung von Verbundsystemen und der Verzicht auf neue Kapazitäten: „Wenn die Nachfrage nicht wächst, müssen wir das Angebot reduzieren!“;
- die Privatisierung der Hälfte der Industriedenkmäler: „Wozu diese gigantische Erinnerungskultur? Viel lieber sähe ich an dieser Stelle einen Fond für digitale Innovationen im soziokulturellen Bereich!“
Plädoyer für ein Meer von Klein-Klein
Auf diese Weise ließen sich „die vielfältigsten, unkoordinierten Zwecke“ unterstützen. „Das Ergebnis wäre – zu Ihrer Enttäuschung – wenig Großes, Sichtbares, keine Show, dafür ein Klima, ein Meer voll Klein-Klein.“ Der Appell gegen den „Kulturinfarkt“ – zugleich also auch ein Plädoyer für private Initiative, für Unternehmergeist sowie zivilgesellschaftlichen Gestaltungswillen und Mut. Für kulturelle Vielfalt.
Viele Kulturen für viel
„Nach unserem Modell ist aber auch der Staat nicht aus dem Schneider. Seine Aufgabe reduziert sich jedoch darauf, sinnvolle und flexible Rahmenbedingungen zu schaffen, in der sich nicht eine Kultur für alle, sondern viele Kulturen für viele entwickeln können.“ Dies gleichwohl funktioniere nicht ohne eine Veränderung des politischen Systems in Richtung „mehr Mitsprache, direkte Demokratie und verstärkte Zivilgesellschaft“ und die Delegation von Verantwortung und Ressourcen von oben nach unten: vom Bund ans Land, vom Land an die Kommunen und weiter bis hin zu den Individuen. Auf diese Weise könnten durchaus langlebige Projekte entstehen, die den Staat wenig kosteten, aber geprägt wären von der Handschrift und vor allem von der Passion der Bürger, die sie zuwege gebracht hätten. „Ich persönlich lobe mir den Lokalpatriotismus, das Hinterwäldlertum und das Laienhafte – es ist die Seele der Kultur.“
Das Ergebnis des Umdenkprozesses? „Vielleicht zwei, drei graue Jahrzehnte, in denen nichts passiert.“ Denn Kultur könne nicht geplant werden. Das Dekaden-Projekt 2020 wäre aus dieser Perspektive kein Dekaden-Projekt. Die Abwehr des „Kulturinfarkts“ sei letztlich „ein Jahrhundert-Projekt“.
Die Gegenrede von Heiner Goebbels lesen Sie hier.
Redaktionsbüro Schacht 11
